Wie eingangs schon erwähnt, hatte man in diesem Jahr ein großes Medical Camp organisiert. Dabei waren namhafte Kollegen aus der Nepal Heart Foundation sowie Augenärzte und Pädiater am Start. Hier möchte ich besonders unseren lieben Freund Dr. Dhruba Shrestha erwähnen. Als ehemaliger Stipendiat der NHK hat er es inzwischen zum Chefarzt der Kinderkardiologie am Siddhi Memorial gebracht und ist weit über die Grenzen Bhaktapurs anerkannt und gefragt. Dabei hat er seine Wurzeln und die NHK niemals vergessen und unterstützt unsere Arbeit unentgeltlich nach besten Kräften.


Das große Medical Camp schloß am Mittwoch seine Pforten. Unterstützt von den Nurses Ranjeeta und Pradigya konnte ich dann bestmöglich die Flut an gescreenten Patienten abarbeiten. Mit nur einem Behandlungsplatz und der naturgemäß eingeschränkten technischen Ausstattung hat das Grenzen, aber immerhin konnten während der Woche insgesamt über siebzig Patienten versorgt werden.
Ursprünglich hatte ich mir etwas mehr therapeutische Unterstützung durch meine Kollegin vorgestellt, mit Hilfe einer zusätzlichen mobilen Dentaleinheit wäre das auch möglich gewesen. Als ich aber einige ihrer Behandlungssitzungen miterleben durfte, war ich doch recht froh, daß sie sich im wesentlichen auf die Diagnostik konzentrierte. Zahnextraktionen (wenn auch bei Milchzähnen) bei halbwüchsigen Kindern, die aufgrund der Schmerzen mit Weinen und Festhaltegriffen erfolgen, mögen in Nepal vielleicht Standard sein. Ich bin da allerdings etwas zart besaitet und bevorzuge den Einsatz von Lokalanästhesie. Spart allen Beteiligten ungemein Streß, geht weit schneller und besser und führt zu dem immer wieder gehörten Spruch „German doctor- no pain“.
Am Freitag, 27. Februar war dann schon der letzte Arbeitstag für mich. Gerne hätte ich noch ein paar Tage weitergemacht, alleine schon wegen des riesigen Behandlungsbedarfs und der unfaßbaren Wertschätzung, die man für seine Hilfe erfährt. Allerdings standen die Wahlen zum nepalesischen Parlament kurz bevor. Die Schule sollte als Wahllokal dienen und mußte deshalb vollständig geräumt werden.




Mit der Rückfahrt nach Bhaktapur begann dann der private Teil meiner ersten diesjährigen Reise.
Shyam Neupane hatte für jeden Tag eine spannende Tour vorbereitet. Und weil ich anläßlich einer Geburtstagsfeier im letzten Jahr bei einem lieben Freund die Neugier auf Nepal entfacht hatte, durften Shyam und ich die nächsten Tage in Begleitung verbringen.
So starteten wir beide am Sonntag gegen Mittag nach Kathmandu, um Ilker vom Flughafen abzuholen. Normalerweise nichts besonderes, allerdings hatte ein gewisser Herr Trump in seiner unfassbaren Weisheit beschlossen, am 28. Februar im Iran und dessen umliegenden Ländern ordentlich Radau zu machen. Insoweit waren wir doch sehr erleichtert, daß unser Besucher aus Nürnberg via Istanbul nahezu pünktlich landete. Angesichts einer sehr langen Reihe von gecancellten und massiv verspäteten Flugverbindungen an jenem Wochenende nicht selbstverständlich!
Am Montag, 2. März erwartete uns dann ein erstes lautes und buntes Highlight: In Bhaktapur wurde auf den Straßen und Plätzen der historischen Altstadt das alljährliche Holi- Festival zelebriert. In (anfangs) weißer Kleidung stürzt man sich ins Getümmel und wird alsbald von Wildfremden mit schrillbunten Farben bemalt und besprüht, gelegentliche kalte Duschen komplettieren das Erlebnis. Nichts für ängstliche und zartbesaitete Gemüter, aber wenn man sich komplett darauf einlässt und aktiv mitttut, ein Riesenspaß! Sehr beeindruckt hat mich einmal mehr mein lieber Freund Shyam: er gestand mir nämlich, dieses Fest bislang wegen des Trubels und der möglichen Gefahren gemieden zu haben. Wenn ich mich da hin traue, wollte er natürlich nicht abseits stehen….
Aber auch über dem Holi- Fest lag der Schatten der für den folgenden Donnerstag angesetzten Parlamentswahl: während es in Bhaktapur zum Glück keinerlei Einschränkungen gab, herrschte im direkt benachbarten Kathmandu ein komplettes Feier- und Versammlungsverbot! Wir konnten hingegen allenfalls massive Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften beobachten, deren fotografische Dokumentation jedoch streng verboten war.


An den folgenden Tagen besuchten wir unter Shyams unfassbar kenntnisreicher Begleitung etliche touristische Hotspots, damit möchte ich hier nicht den Rahmen sprengen. Täglich mußten aber die Pläne an die Umstände angepasst werden, weil es zunehmend Einschränkungen der Bewegungsfreiheit gab. Am Tag vor der Wahl war das ohnehin große Verkehrsaufkommen auf allen Straßen noch extremer- in Nepal gibt es keine Briefwahl, deshalb muß jeder Wahlberechtigte an den Ort reisen, wo sein Wohnsitz eingetragen ist, um dort abzustimmen.


Der Kontrast zum Wahl- Donnerstag hätte stärker nicht sein können: auf den sonst immer überfüllten Straßen und Gassen von Bhaktapur sah man so gut wie keine Autos und nur vereinzelt Motorräder: Fahrten waren nur mit Sondergenehmigung erlaubt, dafür herrschte reges Treiben mit langen Schlangen vor den Wahllokalen. Wir wollten an diesem Tag Angenehmes und Nützliches verbinden und wanderten zusammen mit Shyam, Saru und Shikka , die zum ersten Mal wählen durfte, hinauf nach Gundu an den Wohnsitz von Shyams Mutter. Familie Neupane gewährte uns spannende Einblicke in das Leben auf dem Land, einmal mehr durften wir deren herzliche Gastfreundschaft erfahren. Auch im Dorf war der Andrang vor dem Wahllokal groß- man konnte den Wunsch der Bevölkerung nach politischen Veränderungen allenthalben spüren.
Der Rückweg führte uns entlang am Zoologischen Garten von Bhaktapur. Dieses Projekt ist allerdings aufgrund einer Änderung der Regierung vor etlichen Jahren in der Rohbauphase stecken geblieben, die Metallzäune des mehrere Hektar großen Areals wurden inzwischen von den Bewohnern demontiert und anderweitig verbaut. Lediglich die schon fertig gestellten Verwaltungsgebäude fanden eine Verwendung: man brachte in den Häusern einige Behörden unter, Shyam berichtete mit seinem spitzbübischen Lächeln, daß allerdings niemand so genau wisse, womit die sich den ganzen Tag beschäftigen.
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