Endlich- der erste Arbeitstag
Zugegeben: ein wenig Herzklopfen hatte ich schon. Zum einen bin ich ja seit Januar 2023 nach dem Verkauf meiner Praxis im Ruhestand (als Warmup durfte ich netterweise kurz vor Weihnachten eine Woche einen lieben befreundeten Kollegen wegen Erkrankung vertreten und feststellen, daß Zahnmedizin zumindest bei den Basics so ähnlich ist wie Radfahren), zum anderen hatte ich ja noch keinen Plan, was mich da erwarten sollte. Dem mir immanenten deutschen Drang zur Pünktlichkeit folgend, fand ich mich dann kurz vor neun Uhr in meiner Ordination ein. Der Füllungszustand des bereits gut geheizten Freiluft- Wartezimmers war schon recht beachtlich. Wenn ich im Rahmen eines Wochenend- Notdienstes mit einem derartigen Ansturm konfrontiert gewesen wäre, dann hätte ich trotz deutlich besserer räumlicher und personeller Ausstattung meiner Praxis wohl erst einmal Schnappatmung bekommen. Und die
werten einheimischen Kollegen aus der Dental School interpretierten den für neun Uhr verabredeten Dienstbeginn wohl dahingehend, daß sie sich da erst einmal zum Frühstück in ihrem Hotel begaben.
Allerdings gaben sie nach ihrem Eintreffen gegen zehn Uhr dann auch gleich mächtig Gas:
In einem eigens von allerlei dort gelagertem Gerümpel befreiten Nebenraum richteten sie sich ein und
übernahmen bei den inzwischen reichlich angetretenen kleinen Patienten das „Screening“: sie erstellten auf einem standardisierten Laufzettel Befunde und versahen diese sogar mit Therapieempfehlungen. Und die drei DH improvisierten äußerst engagiert eine Prophylaxeschule.
So konnte ich mich auf meine Kernkompetenz konzentrieren und ans zahnärztliche Werk machen.
Dabei hat mich die Disziplin der kleinen Patienten in Bezug auf Wartezeit, aber auch hinsichtlich der Kooperation tief beeindruckt. Zwar hatte ich im Hinterkopf noch die Ansage des Kollegen Heilmann bezüglich „90 % Extraktionstherapie“, jedoch konnte ich im Laufe der Tage feststellen, daß das eher in Richtung 80 % konservierende Maßnahmen ging.

Insoweit war ich sehr glücklich, daß ich mit großen Mengen von lichthärtenden Composites sowie dem passenden Bondingsystem ausgestattet war. Neben den Schülern im Alter von sechs bis etwa sechzehn Jahren kamen durchaus auch Erwachsene aus deren Umfeld zur Behandlung. Insgesamt gab es ein breites Spektrum von nahezu kariesfreien Gebissen bis zu absolut desaströsen Befunden zu sehen.
Deshalb mußte praktisch bei jeder Behandlung die Sinnhaftigkeit einer beabsichtigten Maßnahme zu
allererst im Fokus stehen. So waren beispielsweise endodontische Maßnahmen aufgrund fehlender
Instrumente von vorneherein ausgeschlossen. Und auch in der zahnärztlichen Chirurgie (die ich im
Gegensatz zur Kinderzahnheilkunde in den letzten 35 Jahren neben der Prothetik schwerpunktmäßig
betrieben hatte) waren dem Tun enge Grenzen gesetzt: Röntgendiagnostik war nicht möglich,
auch konnte ich mich nicht auf Eingriffe einlassen, die eine Nachsorge erfordert hätten. Und über alledem stand da ja noch das Thema der Hygiene. Zwar bin ich weit davon entfernt, jeglichen Irrsinn, den sich das RKI aus den beamteten Fingern saugt, für sinnvoll zu halten. Aber gewisse Mindeststandards sollten doch bei allen Eingriffen gewährleistet sein. Auf diesem Gebiet gab es dann auch den einzigen wirklichen fachlichen Dissens mit den örtlichen Kollegen: aufwendige Milchzahnerhaltung, die unter den zeitlichen
und apparativen Kautelen einer gut ausgestatteten Einrichtung sicherlich auch in Nepal vertretbar sein mag, mußte ich leider konsequent zugunsten der Extraktionstherapie verweigern. Und auch die bei gut einem Drittel der gescreenten Patienten gegebene Empfehlung zur Vorstellung im Hospital empfand ich als ziemlich akademisch und nicht sehr realitätsnah.


lesen Sie weiter auf Page 5

Kategorien: Allgemein